The Straight Story
David Lynch, USA 1999

Ein faltiger alter Mann, den strähnig weißen Bart und die nervösen blaublauen Augen im Schatten des Cowboyhutes, zuckelt auf einem kleinen Rasenmähertraktor über Landstraßen in Amerikas Kornkammer. Es ist Erntezeit, das angegraute Blau des Himmels sticht sich dramatisch mit dem van Gogh Gelb der Maisfelder. Hupend überholt ein Auto, fährt der Kamera in den Rücken, die bleibt in der Nahen auf dem Gesicht des Alten. Der Film beginnt zu stottern, im Off kracht es bedrohlich, ein Unfall. Alvin, so heißt der Alte, steigt hüftkrank von seinem Gefährt und humpelt an zwei Stöcken zum demolierten Wagen. Auf der Straße liegt ein toter Rehbock, um das Auto herum hüpft hysterisch eine Mitvierzigerin im braunen Kostüm. Wir fürchten schon das Schlimmste, da fängt die Dame an zu schimpfen: "Schon wieder. Verdammt nochmal. Warum immer mir, warum immer hier? Seit sieben Wochen muß ich diese Straße fahren, 65 Meilen zur Arbeit, 65 Meilen zurück. Ich bin mit Lichthupe gefahren, ich habe aus dem Fenster gebrüllt, ich habe laut Public Enemy gehört. Können Sie sich das vorstellen? Ich und Public Enemy? Das war das 13. Reh in sieben Wochen. Es gibt nur diese eine Straße - und ich liebe Rehe!" Dann steigt die Dame in ihr Auto und brettert mit dem Blechschaden davon. Am Abend grillt Alvin ein Stück Rotwild am Lagerfeuer und schaut sich einmal unbehaglich über die Schulter. Dort, im Halbdunkel, stehen Hirschplastiken aus Gips, mitten im Feld.

Soweit meine Lieblingsszene aus dem neuen David Lynch Film: The Straight Story. Drei Punkte sollten dadurch klar werden: Lynch erzählt wie immer ein Märchen, ein versöhnliches zur Abwechslung. Der ganz eigene, klaustrophobische Humor ist ihm bei aller Sentimentalität dieses Märchens nicht abhanden gekommen und: The Straight Story ist ein großes Bilderbuch in SpätwesternCinemascope und schlichtweg nicht beschreibbar, das muß man sich ansehen. Dann mildert die Gelassenheit der Bilder auch den Kitschverdacht, unter dem die Rahmenhandlung steht: Alvin lebt gemeinsam mit leicht zerrütteter Tochter in kauziger Symbiose. Ein Dickschädel, dessen Alltag sie unauffällig dirigiert, seit dem seine Zipperlein zunehmen. Ein Anruf informiert, Alvins Bruder Lyle läge im 5oo Meilen entfernten Wisconsin nach einem Schlaganfall im Hospital. Alvin muß hin. Ein Bus fährt nicht, für den Zug fehlt das Geld, die Tochter kann ihn nicht begleiten und den Führerschein haben sie ihm abgenommen, halbblind wie er nun ist. Alvin nimmt seinen Rasenmäher.

Im Schritttempo und einen selbstgeschweißten Anhänger als Schlafpritsche im Schlepptau zieht er sieben Wochen über Land. Lynch zeigt uns ein idealisiertes Kleinleuteleben im amerikanischen Dorf. Alvins Lebensweisheit trifft auf die jugendliche Ausreißerin, die verzankten Zwillinge, juvenile Radsportler, pragmatisch-hilfsbereite Rentner, immer auf irgendwie sympathische Menschen. All deren Fragen beantwortet er durch die passende Anekdote. Einer wie Alvin sagt nur noch das Nötigste, aber das im tiefen Brustton eigener Erfahrungen.

Einige dieser prototypischen Begegnungen sind unangenehm pathetisch, etwa, wenn Alvin und ein weiterer WWII-Veteran Fronttraumata austauschen. Auch wäre es ein leichtes, dem Film seinen verklärenden Wertkonservatismus vorzurechnen. Alle Konflikte, so behaupten die einzelnen Episoden und Alvins Schnurren, sind zu bestehen, solange der Mensch nicht die Personen vergißt, die ihm nun mal, er mag mögen oder nicht, am nächsten sind: seine Familie. Und konsequenterweise enthüllt der Alte auch nach und nach das eigentliche Motiv seiner Odysee: Bruder Lyle ist ihm der wichtigste Partner gewesen, sie hatten Streit, immer noch mehr Streit und vor zehn Jahren fiel das letzte Wort. Seither hat Alvin keine Ruhe. Die lange Reise heißt Versöhnung.

Solchen Familienrührstücke gehe ich emotional auf den Leim, beizeiten. Andern mag das anders gehen. Durchaus unsentimentaler läßt sich über 'The Straight Story' mit Sicherheit behaupten,
- daß der Hauptdarsteller Richard Farnsworth ein großartiger Glücksfall ist, dem man jede einzelne Filmminute gerne zusieht, der sogar unpeinlich ein paar Tränen verdrücken kann
- daß Lynch eine handvoll wunderbar gemächlicher Kamerafahrten gezaubert hat, die einen ganz ungezwungen auf das Schneckentempo von Hauptfigur, Gefährt und Story eingrooven
- daß das mit großen Erwartungen vorbelastete Filmende dann souverän kurz und lakonisch ausfällt und schließlich
- schafft Lynch auch in diesem Film einige Momente, in denen unter aller trickreicher Übertreibung eine große und echte Sehnsucht hindurchscheint. It's magic.

Urs Richter



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