 | | Sunrise, USA 1927. R: Friedrich Wilhelm Murnau, B: Carl Mayer nach der "Litauischen Erzählung" aus Hermann Sudermanns "Reise nach Tilsit", K: Charles Rosher, Karl Struss, Schn: Harold D. Schuster, Pr: William Fox, D: George O'Brian, Janet Gaynor, Margaret Livingston | | |
Gold in der Ursuppe Ich fand Stummfilme immer langweilig. Abgesehen von den Komödien natürlich. Denn die sind Slapstick, und Slapstick ist immer am witzigsten. Sobald aber Dramatik oder gar Emotionen ins Spiel kamen, fand ich immer wieder bestätigt, was auch Nicht-Filmliebhaber auszusetzen haben: die Storys sind langweilig, weil mit dem Holzhammer aufgetragen, die Gesten sind in ihrer Theatralität grotesk und die Gesichter der damaligen Stars beschämend puppenhaft. Was die Filmsprache anging, war ich der Meinung, dass das Wissen, die erste Naheinstellung der Filmgeschichte oder die erste Kamerafahrt zu Gesicht zu bekommen, noch nicht ausreicht, um dabei ästhetischen Genuss zu verspüren. Ich konnte besondere Pionierleistungen als das würdigen, was sie sind. Abgesehen von einigen wenigen Augenblicken fand ich aber weder ''Metropolis'' noch ''Intolerance'' noch ''Panzerkreuzer Potemkin'' besonders spannend. Gut, dass es Leute gibt, die sich für die silents interessieren, dachte ich, denn irgendwer muss den Archäologen spielen und in der Ur-Suppe fischen. Nichts für mich jedenfalls, ich lese aber auch lieber Kafka als das Nibelungenlied, und das soll kein Dogma sein. Meine Filmwelt wurde gewaltig durcheinander gerüttelt, als ich zum ersten Mal F.W. Murnaus ''Sunrise'' sah. Ich befand mich in einem Zustand, der zu gleichem Anteil aus ästhetizistischen Verzücktsein und emotionaler Bewegtheit bestand. Mit dem Sonnenaufgang am Ende kamen Tränen in meine Augen, und ich habe das erste mal überhaupt einen Film ohne Pause gleich noch einmal gesehen. ''A Song of Two Humans'' heißt er im Untertitel. Die Liebenden bleiben namenlos, die Gegend Niemandsland. Der Konflikt ist so alt wie die Menschheit. Eine junge Familie vom Land droht zu zerbrechen, als sich der Mann in eine glücksversprechende Femme Fatale aus der Stadt verliebt. Sie, modisch gekleidet, kettenrauchend, auf ihre schrille Art verführerisch-sexy, schlägt dem hünenhaften Bauern vor, mit ihr in die Stadt zu ziehen und dieses provinzielle, langweilige Leben hinter sich zu lassen. Einziges Hindernis ist die pausbäckige blonde Frau des Bauern. Kein Problem, meint der Vamp und schmiedet einen teuflischen Plan: Lade sie zu einer Bootsfahrt ein und wirf sie in den See. Dann sind wir frei. Der Vamp ist die zeitlose Versuchung, und Murnau lässt keinen Zweifel darüber aufkommen, dass sie notwendigerweise zum Untergang führen wird. Zu sehr idealisiert er das einfache Glück des Landlebens, das noch nicht infiziert ist von der Scheinwelt der Moderne. Dennoch, die Versuchung ist dadurch definiert, dass man sie nicht erkennt. Unter dem künstlich-gleißenden Licht des Hochsommermonds führt der Vamp vor, wie man in der Stadt tanzt. Sie bewegt ihren Körper wild und unnatürlich und reckt ihr Kinn ekstatisch in den Himmel. Über dieses Bild blendet sich eine zweite Belichtung ein, auf der man karikaturartige Figuren sieht, die mit verzogenen Gesichtern die Musik zu diesem schrägen Tanz beisteuern. Dennoch - die Lust ist blind, der Bauer reißt den Vamp an sich und willigt ein, seine Frau zu ertränken. Dies ist eine von vielen atemberaubenden Sequenzen, in denen Murnau unvorstellbare technische Raffinessen aufbringt, ohne sich dabei in einem Stilmittel-Overkill zu verfangen. Vielmehr ist jede Doppelbelichtung, jede kunstvoll inszenierte Traumsequenz oder Rückblende ein sinngebender Teil zu einem großen Ganzen. Dabei wird mehr als einmal die Grenze zum Symbolischen überschritten. In einer Szene, bei der das neugefundene Glück des des Ehepaars (er wird sie nicht ertränken!) inszeniert wird, laufen sie Arm in Arm durch die Stadt. Die Rückprojektion eines insektenhaft bewegten Autoschwarms weicht einem romantischen Hain, über dem leibliche Engel schweben. Der Ausflug in die Stadt, bei dem das letzte Misstrauen schwindet, bildet den zweiten Akt des Films. Anders als in der bedrohlich-düsteren Welt des Landlebens ist hier Platz für das kurzlebige Vergnügen. Bei einem Besuch beim Barbier und einem Fotografen, später auf einem surrealen Vergnügungspark erhält ''Sunrise'' eine überraschende Beschwingtheit, die der Dramatik ein hochwillkommenes Gegengewicht verleiht. Der Bauer und seine Frau werden körperhaft, sie tanzen sich buchstäblich die Sorgen aus dem Sinn. Nach dem Glück kommt der Sturm. Heiter und beschwipst hat das neu-verliebte Paar das Boot bestiegen, um im Mondschein die Heimreise anzutreten. Eine Parallelaufnahme in die leergefegten Straßen der Metropole lässt Zweige und Hüte durch die Luft fliegen. Es wird ungemütlich. Das Boot kentert und der Bauer verliert seine Frau an das wild aufgeschäumte Wasser. Der diabolische Plan des Vamps kommt zum Tragen und der Bauer scheint nichts mehr dagegen tun zu können. Ein Nicht-Kenner von Stummfilmen, wie ich einer bin, hat nicht die Möglichkeiten, ''Sunrise'', der 1958 von den Cahiers zum besten Film aller Zeiten gewählt wurde, historisch und stilistisch passgenau einzuordnen. Die komplexe Filmsprache ist jedenfalls überwältigend: lange Kamerafahrten, sparsam eingesetzte Zooms. Man schaut noch einmal auf die Kassettenhülle und findet wieder bestätigt, dass dieser Film 1927 gedreht wurde. ''Sunrise'' wirkt aber auch jenseits der rein stilistischen Ebene. So etwa in der Szene, in der die Liebenden einer kirchlichen Trauung beiwohnen. Der Mann bricht während der Zeremonie zusammen, weil ihm sein perfides Vorhaben, das um ein Haar sein ganzes Leben zerstört hätte, in aller Deutlichkeit zu Bewusstsein kommt. Die Frau verzeiht ihm. Gemeinsam laufen sie die Stufen der Kirche hinab, flankiert von den fremden Hochzeitsgästen, die plötzlich zu ihren eigenen geworden sind. Johannes Schade
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