Truman ShowTruman Show, (The Truman Show), USA 1998. R: Peter Weir, B: Andrew Niccol, D: Jim Carrey, Laura Linney, Ed Harris, Noah Emmerich, Natascha McElhone, Garland/Sylvia, Holland Taylor, u.a.

Truman Show

In der Präphase meiner Pubertät litt ich gelegentlich unter leichter Paranoia: litt unter der Vorstellung, die ganze Welt sei eine einzig für mich eingerichtete großflächige Inszenierung. Ein Prüfstand, ausgedacht von perfiden Mächten zur Observation meines Verhaltens, meiner Sehnsüchte, meiner Kleinheiten. Steigerte ich mich nur konzentriert genug in diese Hypothese hinein, konnte sie erstaunliche Plausibilität gewinnen, es gab zum Verzweifeln wenig Gegenbeweismaterial.

Nun, der Regisseur Peter Weir ("Green Card", "Club der toten Dichter") macht im Film "Truman Show" ernst mit dieser Hypothese. Die Hauptfigur Truman Burbank, von Kautschukgesicht Jim Carrey gespielt, ist schon im Mutterleib legitimer Adoptivsohn eines Medienkonzerns. Der zeichnet Trumans Leben unter der Regie eines irgendwo zwischen Darth Vader und Herbert von Karajan angesiedelten Inszenatoren und mit Hilfe von 5000 Kleinstkameras im weltgrößten Fernsehstudio rund um die Uhr auf und sendet die Bilder live ins globale Fernsehnetz.

Es gibt ein international grassierendes Trumanfantum, Trumanmerchandising, Trumanwettbüros und selbstverständlich auch eine fanatisierte 'Befreit Truman!'-Lobby. Der einzige Mensch, der von all dem nichts weiß, ist Truman selbst. Der Film beginnt in seinem dreißigsten Lebensjahr. Das von professionellen und per Ohrmiezern dirigierten Schauspielern bevölkerte Städtchen "Seahaven" bietet alles, um die in Truman erzeugten Bedürfnisse hinlänglich zu befriedigen: Eine frohgemute Gattin, die als Darstellerin der Dauerwerbesendung, die die 'Truman Show' selbstverständlich auch ist, ihr perfektes Lächeln über den neuesten Küchenallzweckgeräten oder dem Moccakaffee ohne Moccabohnen aufblenden lässt. Bietet einen Job, in dem von Truman nicht mehr als pures Sitzfleisch gefordert wird und bietet schließlich einen 'Buddy', mit dem man abends im synthetischen Sonnenuntergang am künstlichen Meer hockt, einen 'Truman Show'-Sixpack wegknallt und echte Fragen über das wahre Leben verhandelt.

Denn bei aller Eingerichtetheit - Truman ist nicht wirklich glücklich. Auf eine diffuse Weise empfindet er Sehnsucht. Die Sehnsucht focusiert sich mangels ihrer Formulierbarkeit mal auf die Fidschiinseln, mal auf das Antlitz einer mysteriösen Fremden, mal auf den bei einem Bootsunglück früh verstorbenen Vater. Natürlich wird sich all das später ebenfalls als Teil der Inszenierung enttarnen.

Nicht zur Inszenierung hingegen gehört der Scheinwerfer, der eines Tages aus der Studiodecke bricht und Truman vor die Füße kracht. Hier hat er endlich ein Objekt seiner Abenteuerlust gefunden, die merkwürdigen Ereignisse beginnen sich fortan zu summieren, das gigantische Studio muß immer brachialer, allmächtiger agieren, um die schwindende Allmacht seines Illusionismus zu tarnen. Der Kampf eines durch und durch naiven Davids gegen einen durch und durch hybriden Goliath hat begonnen, ohne daß jener je zu kämpfen beabsichtigt.

Es ist der Intelligenz des Regisseurs Weir zugute zu halten, daß die Opposition: Hier Entscheidungsfreiheit des Individuums, dort Determinismus durch eine Mediendiktatur nur sehr milde ausgeschlachtet wird. Truman taugt, auch nach dem ihm die ganze Wahrheit etwas dick aufgetragen wurde, durchaus nicht zu dem Helden, zu dem ihn die Truman Show Gegner hochstilisiert haben. Daß das, was ihn dort 'draußen' erwartet, nicht notwendig befriedigender oder freier sein muß als seine Studioexistenz, läßt sein unprätentiöser Abgang ahnen. Weir verkneift sich die eindeutigen Wertung zugunsten des Lebens, das für Truman am Ende des Films neu beginnen wird. Daß beide Lebensentwürfe, sowohl jener im Fernsehen als auch jener außerhalb des Fernsehens gleichermaßen überzeugende Projektionen unerfüllter und ideologisch lenkbarer Sehnsüchte seien können, scheint die hintersinnige Position des Films zu sein. Angesichts der Einschalt- und Beliebtheitsquoten solcher Sendungen wie 'Nur die Liebe zählt', 'Traumhochzeit' und 'Verzeih mir' ist sie nicht ganz unplausibel.

Irgenwie ist es aber auch der Feigheit des Regisseurs Weir anzukreiden, daß die Offenlegung der Emotionsstrategien, derer sich die Soap 'Truman Show' bedient und derer sich selbstverständlich auch der Film 'Truman Show' bedient und derer sich selbstverständlich ganz Hollywood bedient, doch so folgenlos bleibt. Selbstreferenz light, sozusagen. Medienkritik gerne, aber nur solange sie nicht weh tut. Der Film 'Truman Show' bleibt eine durch und durch runde Angelegenheit aber ehrlich gesagt hätte ich ihn mir auch kein Stück kantiger gewünscht.

Das Drehbuch ist traumwandlerisch sicher und dezent dekoriert. Die versteckten Kameras notgedrungen ökonomisch und durch ihre Positionierung zu jedem Nonsense bereit: sie stecken im Bleistiftanspitzer, in der Drehtür, im Blumenkübel. Der Film strotzt von wunderbaren Bildideen: der Mond entpuppt sich als Suchscheinwerfer, Truman muß wie ein Kücken schlüpfen oder stolpert plötzlich mitten hinein in ein überdimensionalen Magrittegemälde. Hier kippt der Brachialfreudianismus des Films mit oder ohne Absicht in einen flockigen Truman-in-Wonderland-Surrealismus, der seiner eigenen Traumdeutung ein Weiterträumen anempfiehlt. Das ist Hollywoods Bestes aus Hollywoods ganzem Herzen und dafür muß man es dann auch mögen.

Urs Richter



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