Une femme est une femmeUne femme est une femme, F 1961, R. u. B: Jean-Luc Godard, K: Raoul Coutard, P: Carlo Ponti, M: Michel Legrand, D: Anna Karina, Jean-Claude Brialy, Jean-Paul Belmondo

Regenschirme à la Nouvelle Vague

Müssen Klassiker eigentlich trocken sein? "Une femme est une femme" ist schwerelos und beschwingt. Die zierliche Anna Karina, Lieblingsactrice und spätere Ehefrau von Godard, trällert und tänzelt im Lido, ihr Gesicht schimmert dabei purpurrot bis azurblau. Ein knurriger Jean-Claude Brialy fährt Rennrad im Wohnzimmer und ein verliebter Jean-Paul Belmondo wartet, wie so oft, auf seinen Einsatz. Es geht um ein Baby, daß noch zu zeugen ist.

Paris in den 60ern, die Stadt der Bohemiens getaucht in dreckiges, seifiges Sherrygelb mit milchigem Schleier - es ist November. Dazu Raoul Coutards Kamera, mal klassisch, mal experimentell geführt, wenn sie Anna Karina, wie schon Belmondo und Seberg, durch Paris hinterher wirbelt und ihre Eleganz aus ehrerbietiger Tiefe und interessierter Schräglage bestaunt. Zitate und die Musik, für die wir die Franzosen lieben. "Mais les disques de Charles Aznavour, bien sûr! Tu sais, laquelle, qui me fait perdre régulièrement la tête, et qui commence par titi-tâtâ ". Kritische Töne sind rar gesät, wenn, dann ist der typisch-scharfe Godard-Witz verpackt in eine musicalartige Form. Scherze werden in Richtung der Nouvelle Vague-Kollegen und der klassischen Hollywoodgrößen gemacht, aber immer charmant und frontal in Richtung Zuschauer. Waren es in "Außer Atem" noch die Jump-Cuts, die formal erstaunten, so erleidet hier die bewußt triviale, aber dramatisch überhöhte Musikunterlegung ruppige Sprünge und Störungen: "Il était une fois Godard, Comédie Francaise, Musical, Opéra, Sentimental.", heißt es zu Anfang in knallbunten Lettern. Und dann schreit Anna Karina grinsend in die Klappe "Light, camera, action!" Die wilde Mischung, die die graphisch gestylten Credits versprechen, wird im Folgenden eingelöst.

Dabei ist die Geschichte eigentlich mager, eine Mann-Frau-Klamotte um einen Kinderwunsch, sie verdient kaum der Nacherzählung. Godard, der fast immer ohne Storyboard arbeitet, ist seit "Außer Atem" nicht unbedingt für straff durchgeplanten, auf ein Ziel angelegten Inhalt bekannt, sondern eher für lockere Streifzüge mit Coutard durch die Stadt. Was in diesem Film zählt, ist die photographisch ausgefeilte und inhaltlich aufgeladene Bildästhetik. Etwa der gekonnte Einsatz der Farben Rot und Blau zur Verfremdung und Ironisierung emotionaler Zustände - wie auch später in "Le Mepris" zu bestaunen - und die charmant-witzige und manierierte Inszenierung der Darsteller. Dazu die punktgenauen Dialoge, die quäkige Musik, die alles im Stil einer Slapsticknummer beschleunigt, der grimassierende Gestus und trotzdem am Ende: existentielle tristesse mit einem Augenzwinkern, wenn Anna Karina im Kostümchen durch die Straßen von Paris trippelt und kokett-zärtlich über die Männer und die Frauen sinniert. Fast möchte man sagen, ein naives und hinterhältiges Rehauge in Kleidern von Givenchy. Doch so richtig vermag man diese unschuldig-verführerische und elegant-egomane Kindfrau nicht in Kategorien einzuordnen. Macht nichts, sie ist einfach mignon, wie man in Frankreich gerne zu Tieren und kleinen Kindern sagt.

Man fühlt sich bei der kühlen Eleganz der Bilder beinahe an Antonioni erinnert, doch dessen Figuren würden anläßlich der Godardschen Dialogen wohl nach kurzer Zeit merken, daß sie im falschen Film gelandet sind: Liebevoll wird da gekämpft, angerempelt, disputiert und letztlich ist egal, wie man sich beschimpft, der Ton macht die Musik: Die Sprache fängt an, sich aufzulösen: "Je dirais brumm, brumm" oder "Rrrrrrrrrrr". Godards Helden sind kindliche Erwachsene, die wie Männer und Frauen aussehen. Das macht diesen Film gerade so nett. Ständiges Schmollen, in beleidigender Absicht Buchtitel hochgehalten, "monstre! - sardine!" und die Stehlampe durchs Schlafzimmer geschleppt, so werden Krisen fortschrittlich geregelt und die ewige Seifenoper selbstverweisend, mit einer artigen Verbeugung vor dem Publikum, aufgeführt. Schlußendlich gibt es vielleicht ein Kind und Anna Karina lispelt ihrem Geliebten im Nachthemd und mit Rattenschwänzen eine Homonymie zu: "Je ne suis pas infâme, je suis une femme." Aha! Dagegen sieht die Deneuve mit ihren spießigen Regenschirmen alt aus!

Fin. La lumière s´eteint. Dafür gab es in Berlin 1961 einen Preis für Anna Karina als beste weibliche Darstellerin und einen weiteren für filmische Originalität.

Stefanie Maeck



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