WandaWanda, (USA 1970). R. und B: Barbara Loden, K. und Schn: Nicholas T. Proferes, T: Lars Hedman, P: Harry Shuster, D: Barbara Loden, Michael Higgins und einige Laiendarsteller

Ganz in Weiß durch Abraumhalden

"Wanda ist Anti-'Bonnie und Clyde'" - in knappen Worten fasst Barbara Loden Story und Programm ihres einzigen realisierten Regiewerkes zusammen. Sie dreht den Film 1970, ihr Anti richtet sich also gegen Arthur Penns Romantisierung des Gaunerpaares, die drei Jahre zuvor so erfolgreich war. Erfolg bleibt Barbara Loden verwehrt. "Wanda" gewinnt im Erscheinungsjahr den Kritikerpreis in Venedig und ist seither so gut wie vergessen.

Der Film ist roh. Er ist depressiv. Er ist wunderschön. Wanda Goranski verläßt, ohne den Hauch einer Emotion, Mann, Kinder und Kohlerevier, lässt sich für ein paar Bier von Kneipenbekanntschaften in Motelzimmer mitnehmen, gerät absichtslos dem kleinkriminellen, migränegeplagten Mr. Dennis ins Gehege, begleitet seine rastlose Existenz und landet, nachdem er den Banküberfall fatal vermasselt, in einer bierseligen Provinzbar. Das allerletzte Bild friert ihr Gesicht ein. Als teilnahmsloses Antlitz unter Angsttrinkern, als Rätsel, zu dem wir noch nicht einmal die Frage kennen. Langsam verebben Cajungefiedel und Kneipenlärm.

Ich kenne keinen Film, dessen Hauptfigur so unnahbar ist. In einer der ersten Einstellungen läuft Wanda, eine ferne, weiße Gestalt, zwischen Kohlebergen. (Sie muß zum Gericht, vor dem ihr Gatte die Scheidung eingefordert hat.) Gefilmt ist ihr Gang aus einer aufsichtigen Kiarostami-Totalen, und er dauert sehr lange. Vor dem Umschnitt wird sie uns nur wenig näher gekommen sein. Das anschließende Bild zeigt einen abgeschafften Alten, der Kohlereste aus der Abraumhalde klaubt. Wanda tritt ins Bild, geht ihn um ein paar Dollar an, bedankt sich und verläßt den Rahmen. Hervorragend klug übertragen Loden und ihr Arbeitspartner und Kameramann Nick Proferes die Figurencharakterisierung hier an die Auflösung. Im weiteren Verlauf erfahren wir über Wanda nichts weiter. Sie lebt von den Almosen der Männer und hat sich mit diesem Zustand arrangiert, wie mit einem Naturgesetz.

Lodens Werk ist einer der wenigen Filme, anlässlich derer die Rede eines spezifisch weiblichen Blickes, des "female gaze", nicht bloße Wortklauberei und schlechtverdaute Theorie ist. Denn bei all ihrer Duldsamkeit taugt Wanda mitnichten zum Anschauungsobjekt unserer eigenen Mutmaßungen. In ihren hellen Blusen, unter Schneewittchenkrone und Lockenwicklern, ist sie weder Märtyrerin unterjochten Frauseins, noch White-Trash-Heilige. "Wanda" ist Wanda (so wie "Rosetta" Rosetta ist), und wenn wir ihr Leben und ihren Film nicht verstehen können, ist das unser Problem. Loden macht keinerlei Zugeständnisse, nicht an identifizierendes Begehren und nicht an Aufklärungserwartung. Sie emanzipiert keine Frauenfigur, denn es wäre verlogen. Sie schafft einen Blick auf eine Figur, für die es noch gar keinen Blickwinkel gibt.

Und sie spielt ihre Anti-Antiheldin in einem enormen Kraftakt selbst. Proferes, der aus der cinéma vérité Clique um Pennebaker und Leacock kommt, dreht aus der Hand auf 16 mm und lässt Loden und ihrem Filmpartner Michael Higgins alle Bewegungsfreiheit. Die Bilder sind körnig, dokumentarisch im "Look" und ziemlich aufwendig in den Plansequenzen. Einen der vielen Autoaufbrüche dreht Proferes von der Rückbank jenes Wagens, den Mr. Dennis schließlich knackt. Vorher sehen wir ihn, Wanda im Schlepptau, zwischen den Parklücken herumhetzen. Als die beiden hastig einsteigen, ist es, als ob sie der Kamera die Position zugeteilt hätten, nicht umgekehrt.

Loden schreibt noch viele Drehbücher, ein Film entsteht nach "Wanda" nicht mehr. Sie gibt Schauspielunterricht, tritt in einigen Filmen auf und liefert sich eine anstrengende Ehe mit dem eifersüchtigen Regiedandy Elia Kazan. (Seine Version dieser Beziehung ist "The Arrangement" von 1969). 1980 stirbt Barbara Loden an Krebs. Ihre letzten Worte, so sagt die Legende, sind "Scheiße, Scheiße, Scheiße."

Urs Richter



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