 | | 23, Deutschland 1998. R & B: Hans-Christian Schmid, K: Klaus Eichhammer, Musik: Norbert Jürgen Schneider, D: August Diehl, Fabian Busch, Dieter Landuris, Jan-Gregor Kremp, u. a. Buena Vista International, 14. Januar 1999 | | |
Malen nach Zahlen "23" erzählt von wahren Begebenheiten: Vom Protest gegen AKWs und Brokdorf, vom Übergang der widerständigen 70er zu den egozentrischen 80ern, vom Aufkommen der ersten Computer und dem Internet, von Hackern und Computerclubs, vom Krieg der USA gegen Lybien, vom Attentat auf die Disco LaBelle, dem Mord an Olof Palme und dem Supergau in Tschernobyl. Und "23" erzählt von Karl Koch, der vom bauzaunerkletternden und Generationskonflikte ausfechtenden Gymasiasten zu einem der ersten Hackern überhaupt mutiert, der sich von Kriminellen ausnutzen läßt und anfangs noch im Namen einer Gesinnung, später nur noch für Koks und Geld zusammen mit einem Freund für den KGB zu spionieren beginnt. Auch Karl Koch hat es wirklich gegeben und, so viel man weiß, hat er sich wirklich verfangen in einem Sumpf aus Weltverschwörungstheorien und Verfolgungswahn, aus Begeisterung an der neuen Technik und Drogensucht. Wie es sich für jemanden geziemt, der zum Idol welcher Art auch immer taugen soll, ist er jung und mysteriös gestorben, 1989 wurde sein verkohlter Leichnam in einem Wald gefunden, die Umstände seines Todes sind immer noch ungeklärt. Karl Koch wurde 23. In Hans-Christian Schmids (bekannt durch "Nach fünf im Urwald") Film steht die Biographie des Einzelnen für die bundesrepublikanische Befindlichkeit und den Zeitgeist im Ganzen. Schmid läßt kein gutes Haar an den 80ern: Durch kalte Paranoia und allgemeine Beklemmung sieht er sie geprägt, das Motto Kochs: "Es gibt keine Wahrheit, Alles ist erlaubt!" führt nicht zu größerer individueller Freiheit, sondern dementiert die Überzeugungen der 70er ohne neue Sicherheiten in einer rasenden Welt zu geben. Jemand wie Koch ist Täter und Opfer zugleich, ohne Bewußtsein für seine Taten lösen sich seine Bezüge zu einer Außenwelt, die in unübersichtliche Netze zerfasert ist und von übermächtigen Akteuren, KGB, CIA, BKA, Verfassungsschutz und Medienmultis, beherrscht wird. Er vermag nicht mehr zu unterscheiden zwischen Schein und Sein, zwischen öffentlich und privat, zwischen sich und den Anderen, alles gehört irgendwie zusammen. So kommt es zu dem für Koch letztendlich tödlichen Paradox, daß er sich als Individuum auflöst und deshalb alles auf sich bezieht. Schmid serviert also ein schönes Potpourri an 80er Jahre Themen. War es denn wirklich so apokalyptisch, möchte man da fragen? Man ist ja beinahe froh, heil in den 90ern angekommen zu sein. Aber allzu einfache Antworten auf allzu einfache Fragen vermeidet Schmid. "23" ist mitnichten die spießige kulturkritische Alternative zu naiv-enthusiastischen Retrofilmen, dazu geht Schmid schon inszenatorisch zu geschickt vor: Das ausgefeilte Dekor bleibt immer Hintergrund, der bedrückende Zeitgeist wird durch ein eher unauffälliges Licht beschworen und durch eingefügte Originalaufnahmen unterstrichen. Nur manchmal läßt Schmid die inszenatorische Sau heraus und dann beweist er Mut zum Stil. "23" hat durchaus filmische Qualitäten. Auch die Konfrontation der blassen Jünglinge mit zwei halbseidenen Gestalten, die erst die Kontakte gen Osten eröffnen, tut dem Film gut, es öffnet ihn ins Komische und zeigt das Unausgegorene an dem ganzen Spionageprojekt. Dagegen steht, daß der Film nicht wirklich fesselt, Ansätze von Spannung werden häufig von Langatmigkeit und Ambitioniertheit erstickt. Man merkt, daß Schmid alles, alles, alles über die 80er in seinem Film haben wollte, der dadurch manchmal mehr zur These als zur Erzählung gerät. Geärgert hat mich dazu noch, daß der Film ein wenig der kritisierten Ideologie folgt. Denn in der Geschichte, die er uns als das Leben des Karl Koch serviert, ist für Individuelles kein Platz. Karl Koch wird auf brauchbare, weil repräsentative Motive reduziert und wird dafür auch noch als Erzähler instrumentalisiert. Anstatt seine eigene Erzählposition zu markieren, versteckt Schmid sich hinter seinem stellvertretenden Chronisten. Das Verfahren, ein einzelnes Leben als Kristallisation einer ganzen Ära zu benutzen ist gut bekannt, denken wir an Forrest Gump. Aber Karl Koch hat es wirklich gegeben, diesem Umstand hätte Schmid meiner Meinung nach Respekt zollen sollen, auch auf Kosten der bruchlosen Geschlossenheit des gezeichneten Bildes. "23" ist ein ambitionierter deutscher Film, der mir manchmal wie eine kalte und intellektuelle Variante zu "Trainspotting" vorkam. Wenn man meint, 10 Jahre danach wäre schon angemessen, um Geschichte zu fabrizieren, kann man ihn kucken und wenn man noch keine Lust hat, sich an der eigenen Jugend historisierend abzuarbeiten, kann man es einfach lassen. Björn Vosgerau P.S. Nach so viel Reflektionen über Historisierungsanstrengungen abschließend noch ein Wort zur persönlichen Kritikergeschichte: Im Nachhinein erscheint mir der Film deutlich besser - vielleicht sogar einer der beachtenswertesten deutschen Filme der letzten Jahre. Apropos "23": Lesen Sie auch die Kritik zu "Crazy" (Regie: Hans-Christian Schmid).
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