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 | | 28 Days Later,NL/GB/USA 2002 R: Danny Boyle, B: Alex Garland, K: Anthony Dod mantle, Schn.: Chris Gill, Pr.-Design: Mark Tildesley, Makeup Design: Sally Jaye, Spezialeffekte: Richard Conway et al., Pr.: Andrew MacDonald, D: Cillian Murphy, Naomie Harris, Brendan Gleeson, Megan Burns, Christopher Eccleston u. v. a. Verleih: Fox; Bundesstart: 5.06.2003 | | |
Mutter des Horrors "The Beach" war eine rousseauistische Pastellkleisterei, in der die düsteren Farben allzu forciert aufgetragen wirkten. Also haben der schottische Regisseur Danny Boyle und Alex Garland, der Autor der Buchvorlage jenes Machwerks, den Pinsel gegen die Machete eingetauscht. Drei Jahre und "28 days later" schneiden sie tief und tiefer, bis Blut und Gehirnmasse hervorquillen und überall verwesendes Fleisch herumliegt. "28 days later" ist ein apokalyptischer Splatter über kannibalistische Zombies à la "Night of the living dead". Statt die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, darf man jedoch eher applaudieren, geschüttelt von Furcht, Zittern und Gelächter. Zum Synapsenterror des Nervenkitzels und einer gewissen nihilistischen Depression kommen Eruptionen von Heiterkeit, Reaktionen auf den stoischen britischen Humor. Die Tea-Time wird auf den Trümmern der Zivilisation abgehalten als wären´s Chippendale-Stühle. Es ist erstaunlich, was Boyle zustande bringt - ohne Stars, ohne (pseudo-)literarische Krücken, fast nur mit dem ästhetisch immer noch zweitklassigen Aufzeichnungsgerät der Digitalkamera bewaffnet, die die Produktionskosten niedrig hielt und für einen trashigen Schmuddel-Look sorgte. Auch wenn Kameramann Anthony Dod Mantle und Editor Chris Gill Blickwinkel und Rhythmus des klassischen Erzählkinos respektieren. Freilich wäre Boyle wohl nicht weit gekommen, würde nicht ihn und andere ein Thema umtreiben, das sich pointieren lässt wie die Zeile eines Popsongs und variieren wie eine Fuge. Ich kann nicht mit euch leben, heißt es - aber ohne euch auch nicht. Die "Kleinen Morde unter Freunden" verwandeln den freien Zusammenschluß derselben in eine aufreibende Zwangsgemeinschaft. In "Trainspotting" wäre es ohne die Mithilfe aller Kumpels nie zum coolen Drogendeal gekommen, aber ein behagliches Grinsen breitet sich zum ersten und einzigen Mal über McGregors Gesicht aus, als er mit der Kohle allein nach Amsterdam abdampft. An der Klaustrophobie des Paradieses erkranken die happy few, die den magischen Ort "The Beach" finden - sie zerfleischen sich im Brudermord. Vor einem gesellschaftlichen Hintergrund, der durch seine gespenstische Abwesenheit auffällt, implodiert die selbstgewählte Gemeinschaft. Sie zerbricht an der Frage, warum wir den anderen brauchen. In "28 days later" erschallt die desillusionierende Antwort aus dem Monsterschlund. Ohne Selena (Naomie Harris) und Mark (Noah Huntley) wäre Jim (Cillian Murphy) absolut aufgeschmissen. Nach einem Monat im Koma erwacht er mit einer Kanüle in der Vene auf einer OP-Pritsche. Nicht nur das Krankenhaus, ganz London scheint wie ausgestorben, evakuiert, wie er in den öffentlichen Bekanntmachungen liest, nur Müll ist in den verlassenen Straßen zurückgeblieben. Von Selena und Mark erfährt er, dass aus den Forschungslabors ein Virus den Weg nach draußen gefunden und die Welt entvölkert hat. Es erzeugt eine rasende Wut und einen verzweifelten Hunger, den die infizierten Menschen nur an ihren Artgenossen stillen können. Bereits die Berührung mit einem einzigen Tropfen Blut reicht aus, um das Virus zu übertragen. Die Baseballschläger und Macheten von Selena und Mark, zwei der wenigen gesunden Überlebenden, schützen Jim vor den Ungeheuern, die sich in der Dämmerung aus ihren Schlupfwinkeln wagen. Jeder muß bereit sein, jeden zu töten, so wie Selena Mark tötet, als der bei einem nächtlichen Überfall von den Angreifern gebissen worden ist. Deshalb wird auch der Taxifahrer Frank (Brendan Gleeson) sterben, in dessen Auto sie zusammen mit seiner Tochter Hannah (Megan Burns) zu einer Armeeeinheit unterwegs sind, die bei Manchester stehen soll. Als sie bei Major West (Christopher Eccleston) und seinen Männern tatsächlich ankommen, erweisen sich die vereinsamten Soldaten nicht als Helfer, sondern als verzweifelte Peiniger. Sie wollen die Frauen in ihre Gewalt bringen, ohne die ihnen ihr weiteres Leben sinnlos erscheint. Jim muß selbst zu einer Bestie werden, um Selena und Hannah zu retten. Zum Geniestreich wird "28 days later" dadurch, dass das verwendete digitale Aufzeichnungs-\'Material\' dem \'Bösen\' eine Haut und einen Körper gibt. Die poröse Bildoberfläche atmet zunächst einmal den Schrecken gleichsam ein- und aus, sie appelliert eher an den Tast-und Geruchssinn als an das Auge. Darüber hinaus ist im allegorischen Zusammenhang die Empfindung des Grauens bereits eine seiner Ursachen. Auf dem Grund von "28 days later" rumort eine media-kills-the-people-Botschaft, die so gut versteckt ist wie in Richard Lesters unterschätztem Thriller "18 Stunden bis zur Ewigkeit", wo die Öffnung, durch die hindurch Richard Harris eine Bombe zu entschärfen versucht, die Form eines altmodischen Fernsehbildschirms hat. Die ersten Einstellungen von Boyles Film suggerieren, dass sich das Virus bei Versuchsaffen gebildet hat, die Fernsehprogrammen ausgesetzt wurden. Die Zähne in des Nächsten Fleisch zu schlagen, setzt metaphorisch überspitzt den symbolischen Vampyrismus durch TV-Konsum fort. Die Digitalkamera ist in "28 days later" die Mutter des Horrors, den sie abbildet. Wie das Fernsehen, dem sie historisch näher steht als dem Film, definiert sie die Beziehung zum anderen als eine der Einverleibung. Weshalb in "28 days later" erst der Wechsel zum Zelluloid Anlaß zur Hoffnung gibt. Andreas Günther
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