2001: Odyssee im Weltraum2001: Odyssee im Weltraum2001 - A space Odyssey, USA 1968 , 149 Minuten, R: Stanley Kubrick; P: Stanley Kubrick; B: Stanley Kubrick und Arthur C.Clarke; K: Geoffrey Unsworth; M: Richard Stauss, Johann Strauss, György Ligeti, Aram Khatchaturian; D: Keir Dullea, Hary Lockwood, William Sylvester, Daniel Richter u.a.
Start: 22.2.2001

Kubricks kosmische Orgel

Es sind eindeutig die markantesten Paukenschläge der Musikgeschichte. Jedenfalls meiner eigenen. Kindheitserinnerung: mit den Eltern im Planetarium, und zu Richard Strauß' pompösem "Also sprach Zarathustra"-Motiv steigt aus dem Dunkel der riesige Projektionsapparat empor. Erst Jahre später habe ich gesehen, daß sich die kosmische Aura dieser Musik ihrer Rolle in "2001" verdankt. Blechbläser jubeln, schwelgende Streicher, dann das ganze Orchester in triumphaler Aufgipfelung; plötzliche Stille. Nur der kurze Nachhall einer Orgel ist noch zu hören. Einer Orgel! Das allerchristlichste Instrument in einem Werk, das dem Antichrist persönlich, das Nietzsche gewidmet ist, der uns doch vom entwürdigenden Glauben ans göttliche Jenseits befreien wollte.

Ziemlich abergläubisch dagegen das Menschenbild von "2001", untermalt von diesem zwiespältigen Leitmotiv. Das Ganz Andere, ein schwarzer Monolith, vermenscht den Affen, öffnet seine Augen für die Dinglichkeit, lehrt ihn morden. Als käme die Technik von einem anderen Stern. In steiler Aufsicht wird über diesem Stein der Erkenntnis am Himmel eine planetare Konstellation sichtbar: die astrologische Achse der Menschwerdung. Sie wird wiederkehren.
Kubrick zieht gleich am Anfang alle Register einer größenwahnsinnigen Bedeutungsorgel, eines mythologischen Projektionsapparats. Die Esoterik provoziert beim Wiedersehen um so mehr, als ihre filmische Schönheit zeitlos ergreifend bleibt.

Der geschickt gewählte Termin der digitalisierten Wiederaufführung lädt zwar dazu ein, 2001 mit "2001" zu vergleichen. Aber das hieße Prognose und Prophetie verwechseln. Wohl hat Kubrick einen 1968 unerhörten technischen Aufwand getrieben. Die perfekte SF-Kulisse dient jedoch nur als Absprungspunkt für eine kühne Überschreitung des Genres. Die Handlung der Suche nach dem Ursprung des Monolithen verzichtet fast ganz auf herkömmliche Spannungserzeugung, vertraut vielmehr als wahrhafte space opera ganz der Macht von Bild und Musik. Und Kubrick redet, anders als "Star Wars" und Konsorten, ähnlich wie Tarkovskis "Solaris", kein bißchen um den heißen metaphysischen Brei der unendlichen Weiten herum. "2001" riskiert so den kosmischen Kitsch.

Ohne den ist die berückende Bildlichkeit nicht zu haben. Ohne anfängliche Aufladung durch Paukengetöse nicht der grazile Tanz des andockenden Raumgleiters mit der kreisenden Station zu Walzerklängen. Der ganze Mittelteil des Films ist eigentlich eine Studie der bewegten Ruhe unter den Bedingungen der Schwerelosigkeit. Ein ständiges Starten, Landen, lautloses Gleiten. Die Utopie einer Versöhnung von menschlichem Rhythmus und technischer Ordnung im eigentümlich tapsigen, gleichwohl eleganten Gang der PanAm-Stewardess, die mit Haftschuhen das Tablett durch den Korridor trägt, um dann gegen den Uhrzeigersinn die Wand hochzugehen. Die Konzerne und ihre Marken haben das Reich der sozialen Banalität ganz selbstverständlich ins All ausgedehnt. Die Kehrseite ist Einsamkeit. Das Atmen des Astronauten Poole, als er die Außenantenne repariert. Verselbständigung der Technik beendet bekanntlich diesen fragilen Zustand. Als der intelligente Bordrechner HAL Poole ermordet, erzittert der minimalistische Plot das einzige Mal. Schnelle Schnitte, ein ruckelnder Zoom auf HALs omnipräsentes rotes Kameraauge, und Poole kreiselt verloren durchs All.

HAL ist in diesem Film übers Schicksal der Menschheit paradoxerweise die einzig handelnde und fühlende Figur. Die Technik hat ein menschliches Antlitz. Ihre Abschaltung, ihre Tötung ist der Schritt des Menschen zur Selbstüberwindung. Wunschdenken, dem denn auch die berühmte psychedelische Höllenfahrt folgt. Der Re-Release Slogan schwärmt naiv: "2001-Immer noch der ultimative Trip." Ultimativ, weil ein Ende; ein Rausch, aber ein eiskalter. Das Martyrium der Schau steht dem Piloten ins Gesicht geschrieben, das starr zwischen die rasenden Farbflächen geschnitten ist. Eigentlich müßte "2001" jetzt im Nichts verglühen, aber es folgt die Wiedergeburt als Weltenkind mit sternförmigem Glanzlicht im Auge - der Übermensch in Airbrush-Technik. Der Kindcheneffekt kann den regressiven Gehalt dieser Heimkehr von der Odyssee der Erkenntnis am Leitfaden des Sehens kaum verhehlen. In astralem Autismus schwebt der Embryo über den Wassern. Und die Orgel klingt nach.

Jakob Hesler



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