Handwerker, Pfadfinder und der Herr Hitler

Gegen den Anspruch des Dokumentarischen, die Wirklichkeit darzustellen, so wie sie sei, erhebt sich wohlfeiler Einwand. Wirklichkeit, so betont er richtig, ist immer Wahrgenommenes und Wahrnehmung folgt kulturellen Mustern. Worin der Abendländer die Skizze eines dreidimensionalen Würfels erkennt, sieht der Morgenländer ein zweidimensionales Ornament. Während Asiaten Gesangskunst genießen, kapituliert unser armes Ohr vor komischem Geheule. Selbst die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Eine einzige Wirklichkeit ist nicht zu haben, lediglich Weisen der Wahrnehmung. Die Dokumentation ist demnach eine dieser Weisen, denn auch sie folgt kulturellen Mustern, schlichtweg Wiedergeben kann auch sie nicht. Der Dokumentarfilm wäre also ein Genre unter anderen. Nicht näher und nicht ferner der Wirklichkeit als das Melodram oder der TV-Krimi.

Aber stimmt das, mag man das sagen? Wenn man einen gelungenen von einem mißratenen Dokumentarfilm unterscheidet, so doch auch deswegen, weil er sein Gezeigtes in irgendeinem Sinne richtig wahrnimmt und nicht allein deshalb, weil seine Dramaturgie spannend ist oder sein Personal gut gewählt. Wie lautet die Übersetzung dieses "richtig", wenn wir mit "übereinstimmend" oder "korrekt abbildend" nicht weiterkommen?

- Ein gelungener Dokumentarfilm informiert tendenzfrei über sein Thema. Früher wurde das "Objektivität" genannt. Die traut man sich heute kaum mehr einzufordern, weil sofort jemand nörgelt: Was heißt schon objektiv? Zumindest für Mangel an Objektivität fällt mir ein Beispiel ein. Auf der diesjährigen Berlinale lief ein brutales Porträt vom Familienleben auf philippinischen Müllhalden. Die Menschen sind krank, die Kinder sterben wie Fliegen, nach Regenfällen kommen Hänge ins Rutschen und begraben Dutzende. Die Regierung will die Halden schließen. Da protestieren die Bewohner, demonstrieren in Manila und setzen die Wiederinbetriebnahme der Müllkippen durch. Was ein Wahnsinn, mußte man beim Zuschauen natürlich denken, warum tun die sich das an, jedes andere Leben ist besser als dieses. Erst im Publikumsgespräch hat der Regisseur dann hinzugefügt, daß ein Müllsammler im Monat mehr verdient, als ein philippinischer Lehrer. Nicht, daß diese Information den Wahnsinn mildert, aber sie hat das Verhalten der Leute rationaler gemacht, sie hätte unbedingt in den Film gehört. Ich war verärgert, weil Schockbilder von wasserköpfigen Babys und Leichenteilen alle anderen verdrängen durften. Wo die Kinder zur Schule gehen, was die Eltern einkaufen, an wen sie ihre Plastikfetzen verscherbeln zeigte der Film nicht.

- Ein gelungener Dokumentarfilm lässt sich neugierig auch auf vermeintlich Gewöhnliches ein. Genau das unterscheidet ihn von der investigativen Reportage, die immer schon im vorhinein weiß, worauf sie spektakulär hinausläuft. Ein guter Dokumentarfilm enthüllt keine Beweisführung, sondern läßt seine Fragen allererst entstehen. Volker Koepp etwa ist in die Bukowina gereist auf Spurensuche eines vernichteten Zentrums jüdischer Literatur. Kennengelernt hat er zwei eigensinnige Persönlichkeiten, die ihm ihre Lebensgeschichte erzählt haben, genauer das, was sie darin erzählenswert fanden. Herr Zwilling und Frau Zuckermann ist schließlich kein Film geworden über vergessene Dichtung, sondern ein Porträt der Erinnerung - anrührend deshalb, weil Koepp den Themen gefolgt ist, die die Leute selbst aufgebracht haben.

Oder Dominik Wessely, den eines Sommertags ein Staubsaugervertreter zutextet. Amüsiert geht Wessely dem sehr schwäbischen Phänomen "Vorwerk" auf die Spur. Seine Dokumentation Die Blume der Hausfrau verblüfft durch ausgefeilte Dramaturgie, aber es ist eine Dramaturgie, die sich das Leben im Kino abgeguckt hat und die nun ihren Weg dorthin zurück nimmt. Der Film muß lediglich ein bißchen nachhelfen.

- Schließlich, diese Forderung ist besonders en vogue, soll ein gelungener Dokumentarfilm seine Produktionsumstände bedenken. Wenn die Dokumentation, so die Überlegung, schon nicht an die Wirklichkeit heranreicht, dann möge sie immerhin die Bedingungen ihres Gemachtseins thematisieren. Selbstbezüglich nehme der Wahrnehmende sein Wahrnehmen wahr. Sicher ist der Hinweis kleinlich, daß mit dieser Vorgabe die Frage nach dem "richtigen" Darstellen nur eine Windung weiter gedrechselt wurde, denn wer will von seiner Selbstwahrnehmung behaupten, sie sei wirklichkeitsgetreu? Wenn die Büchse des Relativen mal geöffnet ist, bekommt sie niemand mehr zu.

Im Konkreten kann man allerdings redliche Beispiele für solch selbstreflexives Vorgehen finden. Koepp wiederum fällt mir ein, wenn er Interviewdurchhänger nicht rausschneidet aus seinen Filmen und die eigene Fraglosigkeit nicht kaschiert. Oder Andrej Schwarz, der sich in Auf der Kippe filmen läßt beim Auszahlen seiner Darsteller, auch sie Müllkippenbewohner, diesmal in Siebenbürgen. Solche Gesten entkleiden den Film beiläufig vom Nimbus der Allwissenheit und stellen sein Personal vor, das entzaubert ungemein.

In diesen Wochen laufen weitere Dokumentationen im Kino: "Henker. Der Tod hat ein Gesicht", "Starbuck Holger Meins", "Im toten Winkel. Hitlers Sekretärin", "Jazz seen", "Der Glanz von Berlin", "Die Reisen des Santiago Calatrava" und "Der Boxprinz". Alle sieben sind biographische Porträts, an denen sich trefflich diskutieren läßt, was das Gelingen von Dokumentarfilmen mit Objektivität, Neugier und Reflektiertheit zu tun hat.


Handwerker

"Henker" von Jens Becker und Gunnar Dedio befragt Vertreter einer Berufsgruppe, die - zumindest in Europa - gottseidank ausstirbt: Einen Franzosen, der in den 50ern algerische Unabhängigkeitskämpfer guillotinierte und heute ein Privatmuseum des Folterhandwerks betreibt. Einen Gefängnisbediensteten, der im ehemaligen Jugoslawien an geheimen Erschießungskommandos teilnahm. Einen ungarischen Strafvollzugsbeamten, der die Verurteilten zu strangulieren hatte. Jenen rumänischen Offizier, der 1989 sein Magazin in das Ehepaar Ceausescu leerschoß. Und schließlich einen deutschen Kommunisten, der in Sachsenhausen von den Nazis gezwungen wurde, andere Gefangene zu hängen. Zusätzlich eingespielt werden Videosequenzen eines ehemaligen GIs, der die Todesurteile des Nürnberger Kriegsverbrecherprozeßes vollstreckte und Ausschnitte eines TV-Interviews, das Roger Willemsen mit dem letzten amtierenden Henker der DDR führte.

Die Unzulänglichkeit des Filmes liegt, um es gleich zu sagen, in seiner unklaren Zielsetzung. "Henker" kann sich nicht entscheiden, ob er über Individuen oder über Gesellschaftsordnungen berichten will. Nach kurzer Vorstellung der Männer springt die Aufmerksamkeit quer durch die Zeiten und politischen Umstände und einer nach dem nächsten erzählt von der Nervosität des ersten Mals, worauf bei welcher Technik zu achten ist, wie viel Alkohol danach Not tut. Die Fragen nach Schuldgefühlen und persönlichen Konsequenzen nivelliert dieses Vorgehen ebenso, wie die sehr unterschiedlichen Antworten.

Der Amerikaner etwa bedient sämtliche Cowboyklischees, ein dummer alter Mann, der seine Schauergeschichten sichtlich genußvoll zum Besten gibt. Anders, aber ähnlich stumpf der DDRler, von dem trotz Willemsens Einfühlungsgeseire nichts ersichtlich wird als eine riesige, braungetönte Brille. Der Auftritt dieser beiden Wachsfiguren ist ganz dem Effekt verpflichtet, zum Sprechen bringt sie der Film nicht. Andere, denen man dagegen gern viel ausführlicher zugehört hätte, werden vom thematischen Zugzwang der Dramaturgie beschnitten. Die Pausen, die hier gekürzt werden, das Schweigen, das nicht zu Wort kommt, hätte wahrscheinlich sehr viel genauer unterscheiden können zwischen dem einmaligen Exekutionsbefehl an den rumänischen Offizier und dem routinierten Gewerbe des Franzosen in Algier.

So aber gelingt es "Henker" nicht, mittels der Biographie und dem Selbstverständnis der Porträtierten die jeweilige Rechtfertigung der Todesstrafe innerhalb der Demokratie, der Scheindemokratie, der Diktatur und des Terrors zu differenzieren. Das wäre die eigentliche, die politische Herausforderung an das Thema gewesen. Dem entledigen sich die Autoren. Eine weibliche Offstimme steckt lediglich protokollarisch den historischen Claim ab, in dessen Grenzen die Herren ihr grausiges Handwerk besorgten. Um Handwerkliches geht es dann auch vornehmlich. Wer dazu in der Lage ist, darf obendrein Familiengeschichten anfügen oder in Kindheitserinnerungen schwelgen. Für den nötigen Grusel sorgen im Gegenzug die subjektive Wackelkamera bei Todeszellenbesichtigungen, die schäbig suggestive Vorabendkrimimusik und gediegene Slowmotionfahrten, dem Weg des Fallbeils folgend.


Pfadfinder

Ungleich unappetitlichere Tricks verwendet Gerd Conradt in seiner als Dokumentarfilm getarnten RAF-Verkitschung "Starbuck Holger Meins". "Starbuck", so hat Herman Melville den Steuermann der Pequod getauft, der nach Käpt'n Ahabs Ableben die Jagd auf den Leviathan in religiösem Fanatismus fortsetzt. "Starbuck" wählte Gudrun Ensslin 1972, da saß die Erste Generation schon ein, als Tarnnamen für Holger Meins - und hat damit womöglich unbeabsichtigt dessen Wesen auf den Punkt gebracht.

Conradt bemüht alle möglichen und unmöglichen Zeitgenossen, um den Pfadfinder, Gottsucher, Liebenden, Gerechten, Sensiblen, Künstler, verzweifelt konsequenten Holger Meins in mildes Licht zu rücken und schafft doch nur eine Karikatur des Scheiterns. Ein Kreativer also war Meins, einer, der seine Befindlichkeit auf Leinwandfarben übertrug, die uns ein ehemaliger Kunststudiumkollege sogleich beflissen rückübersetzt: Ja, dem Holger fiel es nicht leicht im Leben. Mit den Frauen sowieso nicht, was unschwer in gequälten Selbstporträts erkennbar sei. Später, mit der Kamera, hat er engagierte Filme gedreht. Als Künstler mußte man damals politisch sein, ging nicht anders. Noch später hat erste Knasterfahrung den Politischen radikalisiert.

"Das Objektiv als Waffe" - Conradt nimmt billigend in Kauf, daß der Slogan auf ihn abstrahlen soll. Margit Schiller plaziert er vor alte Fahndungsplakate. Andere Interviewte vor überlebensgroße Photos von Meins. Eine ehemalige Kampfgenossin wird von einer Schauspielerin verkörpert. Der wird - Konspiration der Konspiration - ein Fettfilter aufs Gesicht gelegt. Der Meins'sche "Ich bastel mir einen Molotow" - Film erlebt Auferstehung, für die Jugend mit Agit-Drum'n Bass unterlegt und geziert durch Frau Kleins "No Logo". Zum Schluß, als der Holger im Knast dann endgültig nicht mehr kreativ sein durfte und sich zu Tode gehungert hat, schüttet der ekelhafte Rainer Langhans seine Therapiesemantik über die letzten Bilder aus: Die abgemagerte Leiche, halb Dostojewski, halb Turiner Grabtuch, gerinnt zur Ikone eines Martyriums, nach dessen nichtprivatem Beweggrund Conradt gleich gar nicht mehr fragt.

Deprimierend ist, wie sprachlich hilflos und weltanschaulich naiv die meisten Befragten zu beschreiben versuchen, was genau sie damals eigentlich getrieben hat. Conradt kriegt es außerdem fertig, seinen Gesprächspartnern die Frage nach ihrer heutigen Sicht auf die Vergangenheit konsequent zu ersparen. Die einzige - unbeabsichtigt ehrliche - Antwort entfährt Wolfgang Petersen: "It was a great time." Sagt's auf der Pressekonferenz zu seinem Sturmfilm und George Clooney lacht bräsig.


... und dann kam der Herr Hitler

"Im toten Winkel - Hitlers Sekretärin" von Othmar Schmiederer und André Heller ist ein wirksames Antidotum zu all der von Knopp & Co betriebenen Nazidramaturgisierung. Der Film zeigt nichts anderes als Traudl Junge, Jahrgang 1920, die von 1942 bis 1945 Hitlers Sekretärin war und sich an diese Zeit erinnert. In eleganten Pullovern, ab und an eine Zigarette zwischen den Fingern, berichtet Junge von den Großstadtträumereien des tanzbegeisterten Mädchens, ihrer unerwarteten Anstellung, dem Müßiggang auf der Wolfschanze, dem Redeverbot nach Stalingrad, dem fehlgeschlagenen Attentat und schließlich vom Rückzug und den beinahe surrealen letzten Tagen im Berliner Führerbunker.

"Im toten Winkel" ist neben einem komprimierten Zeitzeuginnenporträt jedoch auch Versuchsanordnung und Psychogramm. Schmiederer und Heller finden eine frappierend einfache und sehr überzeugende filmische Übersetzung des Unternehmens, das Traudl Junge nicht mehr losläßt seit sie vor der Gedenktafel für Sophie Scholl stand, auch jene Jahrgang 1920. Dieses Unternehmen heißt Selbstbefragung, Selbstkorrektur. Zwei, drei Mal führen die Autoren der Junge Ausschnitte des bisher gedrehten Materials auf Video vor und filmen sie nun erneut. Wie sie stumm dennoch die Lippen bewegt. Wie sie sich selbst zu soufflieren scheint. Wie sie auch herrisch unterbricht und Fakten ergänzt. Und wie sie, in der sicher hellsichtigsten Szene des Films, über sich selbst erschrocken fragt, wie es angehen kann, derart Banales über "dieses Monster" zu erzählen. Reflexion, die weh tut.

Mir fällt kein anderes Dokument ein, in dem jemand ähnlich wach und rücksichtslos gegen sich vorgeht. Dabei beteuern die Regisseure, die härtesten Selbstanklagen noch herausgenommen zu haben. In Verbindung mit der detailstrotzenden und flüssigen Berichterstattung kommt Traudl Junge einem schon unheimlich vor, so fern ist sie allem Abwiegeln und allem betroffenen Geknirsche. Wie der Herr Hitler seiner Lieblingshündin Blondie das Apportieren vormachte mit dem Knochen im Mund erzählt sie ebenso ungerührt, wie vom Vergiften der Goebbelskinder und dem eigenen Haß auf Hitler. Spät setzte der ein und nur aus persönlicher Enttäuschung über die Feigheit des Führers.

Es ist kein Interview, das hier geführt wird, Heller stellt beinahe keine Fragen. Wir lauschen dem Zirkelgang einer ergebnislosen Diskussion, in die von Außen niemand eingreifen kann. "Endogene Depression" lautet dann auch das Krankheitsbild, das Traudl Junge später in die Berufsunfähigkeit gezwungen hat. Bis kurz vor ihrem Tod hat sie sich anderweitig betätigt - als Vorleserin für Blinde. Ansehen sollte man den Film.

Urs Richter

Vier weitere Dokumentarfilme bespricht filmtext.com auf Klick:

Der Glanz von Berlin
Die Reisen des Santiago Calatrava
Jazz seen
Der Boxprinz


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