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Ein Bein auf dem Tennisplatz, das andere in den Slums filmtext.com sprach mit der Regisseurin Monika Treut über ihren Film "Kriegerin des Lichts"
filmtext.com: Nach Filmen wie "Gendernauts", in dem es um Sexutopien
jenseits von Konzepten des Weiblichen oder Männlichen ging, oder
Ihrem Portrait der Domina Eva Norvind "Didn´t do it for
Love", scheint "Kriegerin des Lichts" ziemlich aus der Reihe
zu tanzen. Ihr neuer Film handelt von Strassenkindern in Brasilien und
von der reich verheirateten Künstlerin Yvonne Bezerra de Mello,
die sich in mehreren Projekten um die Kinder kümmert und
dafür von der Oberschicht hart angefeindet wird. Haben Sie Ihre
alte Umlaufbahn verlassen und den sozialkritischen Dokumentarfilm
für sich entdeckt?
Treut: Einerseits ja, andererseits nein. Denn Yvonne ist eine starke,
eigenwillige Frau und passt durchaus in die Reihe meiner anderen
Portraits. Was das Sozialkritische angeht war ich anfangs selbst sehr
skeptisch. Strassenkinder, das war nun wirklich nicht mein Thema. Bis
eine Freundin mir von Yvonne erzählte und meinte, die musst du
unbedingt kennen lernen. Ich habe Yvonne dann in New York getroffen,
mir Videos und Fotos über ihre Arbeit angeschaut. Es hat mich
ungeheuer fasziniert, wie eine Frau aus der Oberschicht sich ein
Konzept wie das von der "Revolution des Bewusstseins" aufbaut und
dann mit unglaublicher Energie loslegt.
filmtext.com: Bestimmt bei dieser Revolution das Bewusstsein das Sein?
Treut: Ja, es ist die Idee einer Revolution, die durch Ausbildung und
Wissensvermittlung bestehende Verhältnisse ändern will. Das
macht auch Sinn, weil zum Beispiel das Schulsystem in Brasilien
unglaublich kompliziert ist. Lehrer werden extrem schlecht bezahlt,
und die Kinder können trotz Unterricht nicht lesen und nicht mal
ihren eigenen Namen schreiben. Deswegen setzt Yvonne auf die intensive
Förderung einzelner mit Lernstörungen. Für ältere
gibt es Computerkurse. Außerdem werden sie über Umwelt- und
Gesundheitsprobleme aufgeklärt. Sie lernen ebenso, was Safer Sex
ist, wie ein Textverarbeitungssystem zu nutzen.
filmtext.com: Warum verzichten Sie in Ihrem Filme ganz auf die
Vermittlung politischer oder historischer Hintergründe über
die Situation Brasiliens?
Treut: Das wäre viel zu viel geworden, das gehörte einfach
nicht in meinen Film. Ich denke, kein Mensch kann heute mehr die Augen
vor Postkolonialismus, Globalisierung und deren Folgen verschliessen.
Das muss man nicht mehr didaktisch in einem Film aufbereiten, der sich
entschieden hat, ein Portrait über eine Frau zu sein
filmtext.com: "Kriegerin des Lichts" hätte ganz leicht ein
Film über arme Kinder mit hübschen Hungeraugen und die
reiche Dame mit dem großen Herz werden können. Wieso ist
das bei Ihnen gut gegangen?
Treut: Yvonne ist einfach keine von diesen Charity-Tanten, sie ist
auch keine Mutter Theresa. Dafür ist sie zu eigensinnig, zu
resolut und zu stark. Und die Kinder sind zu stolz und verschlossen.
Die tragen ihr Leid nicht vor sich her. Um zu erfahren, aus welchen
Familiensituationen sie kommen, wie vertraut sie mit Vergewaltigungen,
Prostitution und Prügeln sind, braucht es viel Geduld und
Einfühlungsvermögen. Und selbst dann werden sie noch vieles
aus Scham oder Angst für sich behalten. Yvonnes Arbeit ist
einfach zu glaubwürdig, da reicht es, die Projekte ganz schlicht
zu dokumentieren und das dann in eine Struktur zu bringen.
filmtext.com: Welche ästhetischen Entscheidungen haben Sie
getroffen, um aus dem Elend keine Pittoreske zu machen?
Treut: Man muss ständig überprüfen, dass man nicht zu
voyeuristisch arbeitet, dass man den Kindern nicht ihre Würde
nimmt, dass man nicht stumpf drauf hält, wenn ein Kind Schmerzen
hat oder weint. Dass man sie nicht ausstellt, sie sprechen lässt.
Die Kamera soll zwar einen, sagen wir mal: "liebenden" Blick haben,
aber dabei trotz allem Distanz wahren.
filmtext.com: Im Film erfahren wir, dass Yvonne sich während der
Schulzeit absichtlich etwas "dümmer" gestellt hat, um den Neid
der anderen Privatschülerinnen in Grenzen zu halten. Auch jetzt
lebt sie ein Doppelleben, mit dem einen Bein auf dem Tennisplatz, mit
dem anderen in den Slums. Ist Yvonne für Sie auch eine Heldin der
Mimesis?
Treut: Von früh an hat Yvonne gemerkt, dass etwas nicht stimmt.
Nicht etwas an oder in ihr, sondern etwas in der Gesellschaft. Ihre
Mutter hat arbeiten müssen, eine teure Schule konnten sie sich
nur leisten, weil Yvonne Stipendien erhielt. Doch in den Klassen
fühlte sie sich als Außenseiterin. Um nicht zu leiden, hat
sie gelernt, sich zu verstellen und zu verstecken. Ihr Doppelleben ist
nicht unbedingt eine leidvolle "Schizophrenie". Es ist einfach ein
Mechanismus, den sie sich zugelegt hat, um Balance zu halten, um
Überleben zu können.
filmtext.com: Was setzt Yvonne bei ihrer Arbeit am meisten zu?
Treut: Schwer zu sagen. Denn jeden Tag passieren in ihren Projekten
die wüstesten Geschichten. Da kommen Kinder, die mit ansehen
mussten, wie ihre Mütter zerstückelt oder erschossen wurden.
Das kann man sich gar nicht vorstellen. Yvonne steht jeden Tag um 6
Uhr auf und arbeitet 16 Stunden. Das ist kein Pappenstiel, das kostet
Kraft. Und die kann sie scheinbar am besten sammeln, wenn sie am
Wochenende rausfährt in ihr anderes Leben, zu all den
Annehmlichkeiten des Wohlstands und zu ihrem Pferd. Yvonne hält
sich damit stark. Sie quält sich auch nicht mit
Schuldgefühlen herum, sondern sagt sich: Warum soll ich mich
kasteien? Es nützt keinem etwas, wenn ich auf alles verzichte.
filmtext.com: Kann sich bei den monatelangen Recherchen vor Ort und Ihrer Mitarbeit in den Einrichtungen für
Strassenkinder auch eine Art Eskapismus entwickeln?
Treut: Es mag eine Verlockung für einen europäischen,
ideologisch orientierungslos gewordenen Menschen sein, seine ganze
Existenz in solche Projektarbeit hineinzulegen. Weil man meint, in
Ländern wie Brasilien sei es einfacher, zwischen gut und
böse, reich und arm zu unterscheiden. Es mag, anders als zuhause,
offensichtlicher erscheinen, was ohne Wenn und Aber zu tun ist. Ich
hatte dieses Problem jedoch gar nicht. Im Gegenteil. Ich war
deprimiert von diesem Gegensatz. Das touristische Rio, die
Strände, Samba, Luxus, Nachtleben, Schönheit. Daneben die
Favelas. Zum ersten Mal in meinem Leben - und das hatte ich bisher auf
keiner Reise - hatte ich Heimweh nach Deutschland. Ich wusste, ich
muss jetzt etwas tun. Und ich wusste auch, Yvonnes Arbeit, das kann
ich nicht. Ich kann aber einen Film machen.
Das Interview führte Birgit Glombitza.
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