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Der Apfel Samira Makhmalbaf, Iran/Frankreich 1998 Eine Kaspar Hauser Geschichte im zeitgenössischen Iran: ein verarmtes, tiefreligiöses Ehepaar, die Frau blind, der Mann schon ein Greis, hält seine beiden Zwillingstöchter zwölf Lebensjahre lang im düsteren, zugemüllten Haus gefangen. Irgendwann haben die Nachbarn genug von diesem Elend und unterschreiben eine Petition an das Sozialamt. Eine Streetworkerin kommt, schimpft, entläßt die sprachunfähigen, geistig und motorisch überforderten Mädchen das erste Mal ihres Lebens hinaus in die Gassen und schließt die uneinsichtigen Eltern ein. Der Vater muß, um seinerseits frei zu kommen, das eiserne Türgitter für immer zersägen. Nach einer Parabel klingt das, nach einem gleichnishaften Lehrstück mit Handlungsanweisung, wie wir es vereinzelt bereits kennen aus dem iranischen "Kinderkino", das sich deutlich an Erwachsene wendet ("The Runner", "Dance of Dust", "The White Baloon"). Jetzt kommt die erste erstaunliche Wendung: "Der Apfel" ist zur Hälfte ein Dokument. Die Situation dieser Familie ist eine Tatsache, ist als Skandal vom iranischen Fernsehen aufgegriffen worden. Die noch erstaunlichere zweite Wendung: Die Regisseurin des Films konnte die porträtierte Familie dazu bewegen, ihre Geschichte selbst darzustellen und das zeitgleich zu dem Wirbel, den die Angelegenheit in den öffentlichen Medien verursacht hat. Und das allererstaunlichste: die Regisseurin war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade mal 17 Jahre alt. Sie heißt Samira Mahkmalbaf und ist eine Tochter des - zumindest inneriranisch - bekannten Regisseurs Mohsen Mahkmalbaf. ("Gabbeh") Das erklärt zumindest einiges über die Produktionsumstände: Kamera- und Tontechnik und Filmmaterial standen zur schnellen Verfügung. Um gleich ein Mißverständnis zu verneiden: "Der Apfel" ist kein manipulierter Dokumentarfilm im Gestus von 'Reality TV'- Krawall, der des Effektes wegen Authentizität als Stilmittel mißbraucht. Im Gegenteil: unmerklich fein verwebt der Film zwar inszenierte mit spontanen Situationen, banale Alltagsbilder mit metaphernreicher Leitmotivik, nie jedoch unter dem Anspruch, hier einen Ausschnitt Realität abgebildet zu haben. Daß der Film gleichwohl zum Teil ein Dokument ist, verrät nachträglich das Presseheft und bleibt für die Interpretation zweitrangig. Von allererstem Rang ist hingegen, daß bislang kein anderer Film in derart klaren und selbstsprechenden Bildern die Forderung nach gesellschaftlicher Emanzipation insbesondere der Mädchen und Frauen im Iran aufgeworfen hat. Und das in einer Situation, in der die Liberalisierungsbemühungen unter Chatami massiv unter Druck gesetzt werden durch die religiöse Oligarchie und die Mullahcliquen wohl nicht zu Unrecht im Verdacht stehen, indirekt an der Ermordung etlicher Oppositioneller beteiligt gewesen zu sein. "Der Apfel" ist der mit Abstand mutigste Film des Jahres. Zu einem der intelligentesten und schönsten Filme des Jahres macht ihn die Tatsache, daß sein politisch brisanter Appell unaufdringlich und vor allem unweinerlich vorgetragen wird. Samira Mahkmalbaf gelingt das seltene Kunststück, ihre Botschaft in eine Erzählweise zu kleiden, wie sie schlichter und gleichzeitig bezwingender überhaupt nicht gedacht werden kann. Die Besonderheiten, die sie an der porträtierten Familie herausstellt, werden bruchlos eingebettet in allgemeine Beobachtungen. Am Beispiel: Zu Beginn sehen wir eine Mädchenhand, die sich mühsam durch ein Fenstergitter streckt, um eine kümmerlichen Blume auf dem Gesims der Hauswand mit ein paar Tropfen Wasser zu gießen. Später begründet der Vater das Einsperren seiner Zwillinge mit einem islamischen Lehrsatz, der besagt, Mädchen seien wie Blumen - an der Sonne würden sie vertrocknen. Im ersten Moment liest man das Bild also als etwas dick geratene Metapher. Dann jedoch zeigt die Regisseurin im Fortlauf des Filmes immer wieder Situationen, in denen auch die Nachbarinnen dieser offenbar rückschrittlichen Familie ebenso mühsam Wäsche durch die Gitterstäbe ihrer Fenster auswringen - womit die vermeintliche Metapher sich ebenso plausibel als Momentaufnahme alltäglicher Praxis deuten läßt. In der Umkehrung stellt dann aber auch die Unzumutbarkeit, die die kleine Anekdote enthüllt, genau diese Praxis in Frage. "Der Apfel" kommt ohne jeden moralischen Dogmatismus und vor allem auch ohne jeden Kunstwillen aus, weil die Regisseurin die Selbstverständlichkeit, die sie fordert, in ihrem Film bereits verwirklicht hat. Anders gesagt: der Film besitzt keine Botschaft, er ist diese Botschaft. Urs Richter
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