Durchgeknallt
James Mangold, USA 1999

Wenn das Familienmelodram ein Genre ist, dann ist der Psychiatriefilm ein Subgenre und dann ist "Einer flog übers Kuckucknest" von Milos Forman die Urmutter oder der Übervater dieses Subgenres. "Durchgeknallt -Girl, Interrupted" kommt zeitgemäß mit deutlich milderen Gut-Böse-Schemata als das Vorbild zurecht und erzählt den Gang in und durch die psychiatrische Veranstaltung aus der Sicht einer weiblichen Figur, aber setzt die selben Storymarken.

Kaum der leiblichen Familie entronnen, der großen und komplexen Welt, und zwanghaft freiwillig eingewiesen in die Klapse, verheddert sich die siebzehnjährige Susanna, gespielt von der traumwandlerisch putzigen Winona Ryder, in das nicht minder familiäre Macht- und Eifersuchtsgehabe der anderen Insassinnen.

Da ist die schöne Rebellin mit den dauererregierten Brustnippeln, ein hüftschwingendes Missverständnis der Flowerpowerära, in der die ganze Geschichte spielt. Da ist die brave Weinerliche, der es drinnen nach eigenem Verständnis besser geht als draußen. Da ist die oralfixierte Essgestörte, vom sorgenden Papa heimgeholt, im doppelten Wortsinn.
Als Dekor fungieren die armen Seelen, die stundenlang ihren Kopf an den Flurwänden entlang schubbern und über die natürlich nie ein Film gedreht werden wird. Die therapeutische Autorität wird verkörpert durch die hemdsärmlig-kompetente Stations- und die sophisticated-kompetente Heimleiterin. Die Wärter sind männlich und mal so, mal so.

Rehauge Winona darf zum Schluss raus. Da hat sie sich eine selbstbewusste Position innerhalb der Binnenfamilie Klapsmühle durch fleißiges Tagebuchschreiben erarbeitet und ist deshalb gewappnet für alles, was noch kommen möge. Da draußen. Schön, dass manche Angelegenheiten sich doch so einfach gestalten - wie dieser Film.

Urs Richter



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